Kurt Tuch – eine Wiederentdeckung im Erbe seiner Zeit

Selbstportrait
Welchen Schaden die wirren Zeitläufe des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen, der unseligen Nazizeit und der sich anschließenden Teilung Deutschlands angerichtet haben, mag manchem erst in vollem Umfang beim Rückblick auf diese nun hinter uns liegende Historie bewusst werden. Nach wie vor hat das Wort des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, das er 1953 in einem Brief an den Dichter Alfred Döblin schrieb, Gültigkeit: „Am Zerbrechen einer geistigen Kontinuität wird Deutschland noch lange zu tragen haben.“ Die bildende Kunst hatte unter dieser mangelnden Kontinuität wesentlich zu leiden, sowohl im Hinblick auf die Fortschreibung gestalterischer Prinzipien als auch im Hinblick auf ihre kunsthistorische Rezeption. Dabei enthielt das vorige Jahrhundert durch seine Aufbruchstimmung in den ersten beiden Jahrzehnten mit den Hauptströmungen des Expressionismus und Kubismus ein Potential, von dem in verschiedener Hinsicht das ganze Saeculum profitieren sollte, mit Ausnahme der deutschen Kunstszene zwischen 1933 und 1945. Während dieser Zeit der „Nacht über Deutschland“, wie Horst Strempel 1947 sein Erinnerungsbild an die braune Ära betitelt, fand Modernität in der Kunst keine Gnade. Vielmehr wurde sie als „entartet“ gebrandmarkt, vielerorts als „degeneriert“ beschlagnahmt, als „undeutsch“ verfemt. Erst seit den 1980er Jahren rücken dabei mehr und mehr Künstler in das Blickfeld der Interessierten, die die Strudel der Zeit beinahe aus dem Gedächtnis der Nachlebenden fortgespült hätte.
„Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus 1925 bis 1975“ lautet der Titel einer 1980 erschienenen ersten Bestandsaufnahme weitgehend Vergessener durch den Marburger Kunsthistoriker Rainer Zimmermann. Er beschäftigt sich im wesentlichen mit den um 1900 Geborenen, der „zweiten Generation der Moderne“, die sich maßgeblich an Innovationen orientierte, die vom Expressionismus ausgingen, aber zugleich seine extreme Formensprache durch größere Wirklichkeitsnähe zu überwinden suchte. – Zur Jahrhundertwende 1999/2000 wurde in Solingen durch das weithin beachtete Ausstellungsprojekt „Verfemt–Vergessen–Wiederentdeckt“ mit gleichnamigem Begleitbuch, im Untertitel „Kunst expressiver Gegenständlichkeit aus der Sammlung Gerhard Schneider“, nachhaltig bewusst gemacht, in welchem Umfang Vergessenes, verloren Gegangenes wiederzuentdecken und aufzuarbeiten ist. Der Folgeband „Expressive Gegenständlichkeit. Schicksale figurativer Malerei und Graphik im 20. Jahrhundert: Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider“ begleitet Ausstellungen durch ganz Deutschland zwischen Freiburg im Breisgau bis Lübeck und von Halle an der Saale bis Solingen. In beiden Buchprojekten und den jeweiligen Ausstellungen ist Kurt Tuch einem breiteren Publikum bekannt geworden, finden seine expressiven Werke große Anerkennung.
Die Galerie „Bilder-Fuchs“ veranstaltet nun zum zweiten Mal eine Ausstellung mit Werken des 1877 in Leipzig geborenen Malers Kurt Tuch. Der Einladungsprospekt zur ersten Ausstellung im Frühjahr 2002 vermerkt: „Es hat immerhin bis 1996 gedauert, bis der der deutschen Expressionistengeneration entstammende Maler Kurt Tuch eine erste Nachkriegsausstellung in Deutschland erhalten hatte. Sie fand im Hause des Kunstsammlers Gerhard Schneider in Olpe statt und wurde zurecht als wichtige Entdeckung gewertet.“ Wie sehr diese Entdeckung auf dem Prinzip „Zufall“ beruhte, dem somit im weitesten Sinne alle Ausstellungen und dieser Katalog zu danken sind, soll hier nicht unterschlagen werden; denn mit Kunst hatte der Ausgangspunkt eigentlich nichts zu tun. Aufgrund eines Defektes meiner altbewährten Kamera aus den siebziger Jahren, der in der heimischen Region nicht behoben werden konnte, wandte ich mich auf einer Geschäftsreise an die Niederlassung der japanischen Herstellerfirma in Hamburg. Dort stieß ich auf eine sehr entgegenkommende Mitarbeiterin. Auf ihre Frage, zu welchen Zwecken meine Kamera vorrangig benutzt werde, ergab sich ein ausführlicheres Gespräch über das Fotografieren von Kunstobjekten, über meine Sammlung und die Beweg- und Hintergründe meines Sammelns. Spontan war ihr Interesse geweckt: Mir gegenüber stand die Enkelin Kurt Tuchs. Sie versprach mir für den folgenden Tag Einblick in die Fotodokumentation der Bilder ihres Großvaters. Aufgrund mancher Erfahrung wandte ich ein, bei der Vielzahl unbekannt Gebliebener gäbe es nur ein Kriterium, die Qualität des hinterlassenen Oeuvres. Der Hinweis auf einen bedeutenden Kunstpreis und die frühe Zusammenarbeit mit Max Beckmann machten mich vorab neugierig.

Selbstportrait, Paris
Heute darf ich beglückt und ein wenig stolz auf wichtige Werke dieses Künstlers in meiner Sammlung sein, dessen Namen die Kunstgeschichtsschreibung beinahe vergessen hätte und der zu Lebzeiten doch eine beachtete Rolle spielte. Als erster erhielt Kurt Tuch 1905 zusammen mit seinem Freund Georg Kolbe den Villa-Romana-Preis auf Vorschlag seines Stifters Max Klinger, und steht zumindest in dieser Hinsicht in einer Reihe mit Ernst Barlach, Max Beckmann und Käthe Kollwitz, die ihm später als Preisträger folgten. Zuvor hatte er prägende Anregungen in Rom (1901) und Paris (1902/03) empfangen. Im Quartier Latin lebte er für einige Zeit Atelier an Atelier mit Edvard Munch. Zwar entwickelte sich aus der Nachbarschaft gegen Ende ein Vertrauensverhältnis, aber der prägende Rang des Norwegers wurde von dem 14 Jahre Jüngeren kaum erkannt, auch wenn dessen „eigenwillige Bilder“ stark auf ihn wirkten, wie er über dreißig Jahre später vermerkt. Die Bewunderung seiner eigenen Bilder im Salon des Indépendants durch junge französische Künstler und die sich bietende Fülle von Kontakten mit Malern, Dichtern und Literaten aus aller Welt bedeuteten ihm mehr. Die Pariser Zeit hatte insofern noch nachwirkende Bedeutung für Kurt Tuch, als das im Sommer 1903 entstandene Bild „Sonntag an der Marne“ auf der zweiten deutschen Künstlerbundausstellung im Mai 1905 im neuen Gebäude der Berliner Sezession prämiert und von dem bekannten Sammler von der Heydt angekauft wurde. Nicht zuletzt durch diese Anerkennung setzte ihn Klinger auf die Liste der ersten Villa Romana Preisträger. Der Stifter übertrug ihm zeitweilig zugleich die Hauptarbeit bei der Einrichtung jener Institution, die bis heute eine Begegnungsstätte für Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes geblieben ist, trotz zweimaliger Enteignung nach den beiden Weltkriegen.
Die unter künstlerischem Gesichtspunkt wichtigste und markanteste Schaffensphase Kurt Tuchs bilden die Jahre zwischen 1908 und 1925, deren Auswirkungen noch bis in die Zeit um 1940 prägend blieben. Am Anfang stand ein etwa vierjähriger Berlinaufenthalt, wo er 1908 ordentliches Mitglied der Sezession wurde. Dort suchte er aber weniger wie fast alle anderen die Nähe ihres Vorsitzenden Max Liebermann als vielmehr die von Max Beckmann und Waldemar Rösler. Es ist erstaunlich, dass die Brücke-Künstler, die ab 1908 ihren Tätigkeits- und Ausstellungsschwerpunkt mehr und mehr von Dresden nach Berlin verlegten, zumindest in den hinterlassenen Notizen Tuchs keine Rolle spielen. Aufgrund einer Reihe erhaltener Arbeiten aller Techniken – Ölbilder, Aquarelle und Druckgraphiken – kann kein Zweifel bestehen, dass Kurt Tuch sich mit der traditionsbrechenden, heftig umstrittenen Kunst des Expressionismus, seiner gänzlich neuen Farb- und Formensprache nicht nur ideell auseinandergesetzt haben muss, sondern sie sich auch für sein Schaffen nutzbar machte. Dabei spielt der freie Umgang mit der Farbe für ihn die entscheidendere Rolle; denn seine motivische Gestaltung ist in keinem Bild von jener extremen Ausdrucksstärke, die für Künstler wie Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff oder Nolde charakteristisch ist. Sicherlich aber steht eine Reihe seiner Bilder ab ca. 1912 am Anfang einer Tradition, die Rainer Zimmermann als „Expressiven Realismus“ bezeichnet und die sich, unterschiedlich akzentuiert, in mancher Variation als expressive Gegenständlichkeit durch das ganze 20. Jahrhundert zieht.

Magdeburg, Johanniskirche
Tuchs Lehrtätigkeit ab 1912 bis 1924 an der modern und praxisnah ausgerichteten Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg, wo er die Klasse für Buchgewerbe und Textilkunst leitete, brachte ihm zwar 1921 den Professorentitel des Preußischen Staates ein, aber aufgrund von Differenzen zwischen der Führung der Schule und dem Stadtbaurat Bruno Taut, bei denen Tuch öffentlich für die Position der Schule eintrat, wurde er seines Amtes enthoben. Aus der Magdeburger Zeit bleibt seine Mitgliedschaft in der Künstlervereinigung „Boerde“ erwähnenswert und eine erfolgreiche Ausstellungstätigkeit mit Verkäufen an die Kunsthalle Bremen, die Staatliche Galerie Moritzburg in Halle an der Saale, an das Kaiser-Friedrich-Museum in Magdeburg oder den früher bereits erwähnten renommierten Sammler von der Heydt. Dass er bereits 1914 nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in dem Harzstädtchen Wernigerode eine Villa erwarb, sollte auch erwähnt werden, zumal eine Anzahl von Arbeiten aus dieser Zeit erhalten ist, die die Inspiration dieser Region auf den Künstler manifestiert. Wichtige Landschaftsbilder entstanden auch am Brandenburgischen Krüpelsee. In der an ihm gelegenen Gemeinde Kablow verbrachte der Künstler mehrere Urlaube mit seiner Familie.
Der 1925 gefasste Entschluss Kurt Tuchs, mit seiner Familie in die Schweiz nach Dornach bei Basel überzusiedeln, hing neben der zunehmend unerträglicheren Situation durch die beginnende Weltwirtschaftskrise maßgeblich mit dem dortigen anthroposophischen Zentrum Rudolf Steiners zusammen. Seit geraumer Zeit hatte sich Tuch, angeregt von seiner Frau, mit den Lehren Steiners auseinandergesetzt. Die von ihnen ausgehenden Impulse dachte er fruchtbringend in sein Schaffen einzubringen. Zum Glück kamen sie, zumindest aus der Sicht des Kunstkritikers, erst in späteren Jahren zum Tragen; denn bis weit in die 1930er Jahre lässt sich keine gravierende Umorientierung in seinem Schaffen ausmachen. Es bleibt wesentlich der expressiven Tradition verpflichtet. – 1927 stellte Tuch letztmalig mit der „Boerde“ in Magdeburg aus und war auch noch auf der ersten internationalen Buchkunstausstellung in Leipzig vertreten. Da in der Folgezeit das Klima in Deutschland aufgrund der politischen Situation, vor allem durch die an die Macht strebenden Nazis, immer rauer wurde, verlegte er seinen Ausstellungsschwerpunkt für einige Zeit nach Holland, dem Herkunftsland seiner Frau Nelly Nijland, fand aber auch in seinem selbst gewählten Gastland, der Schweiz, auf verschiedenen Ausstellungen Anerkennung. Den Lebensunterhalt sicherte er sich überwiegend durch private Aufträge.

Seefeld
Ab 1933 gingen für alle Künstler, die sich in irgendeiner Weise den Innovationen der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts verpflichtet fühlten, die Lichter aus. Wie an viele andere verliert sich auch an Kurt Tuch das Gedächtnis der Kunstwelt. Aus mindestens zwei Museen, in Halle an der Saale und Magdeburg, fielen nachweislich Werke Kurt Tuchs der faschistischen Beschlagnahmeaktion von „entarteter Kunst“ zum Opfer, wahrscheinlich auch in Bremen. Kurt Tuch ist einer von über 1400 Künstlern, die von dieser Kunstbarbarei betroffen waren. Keines der beschlagnahmten Bilder ist später wieder jemandem zu Gesicht gekommen. Über die vernichteten, in erster Linie verbrannten Bilder wurde nicht Buch geführt im Unterschied zu denen, die z.B. Händlern zur Veräußerung ins Ausland übergeben oder in einer spektakulären Auktion 1939 im schweizerischen Luzern für relativ geringes Geld an interessierte Museen aus vielen Ländern oder auch Privatpersonen verkauft wurden. – Die Schweiz bot Kurt Tuch zumindest während der Jahre nationalsozialistischer Schreckensherrschaft, die in erster Linie dazu beitrug, das Gedächtnis an ihn in Deutschland zu tilgen, einen Hort der Sicherheit. Dass er sich nach dem Kriege nicht entschließen konnte, in ein zerstörtes geächtetes Land zurückzukehren – 1945 war er bereits 68 Jahre alt – , liegt auf der Hand. 1963 starb Kurt Tuch am 23. November an den Folgen eines Unfalls in Muri.
Trotz der früh erkannten Begabung und einer glücklichen Förderung, die ihm mehrfach zuteil wurde, fiel es Kurt Tuch offensichtlich nicht leicht, seinen Weg als Künstler zu gehen. Er war aufgeschlossen für die modernen Strömungen, auch wenn er nicht zur Avantgarde der ersten Stunde gehörte. In seinen Aufzeichnungen von 1938 stellte er rückblickend fest: „Da wir nicht künstlerische Tradition auf organische Weise hatten aufnehmen können, sondern jeden Standpunkt selbst erwerben mussten, war der Weg zu einer klaren Anschauung (über verschiedenste Kunstrichtungen) sehr klippenreich.“ Dass er in seinen besten Schaffensjahren zu einer expressiven Gestaltung gefunden hat, die das Tradierte im besten Sinne mit einer freien Farbigkeit zu verbinden wusste, sichert ihm seine Anerkennung im Kanon der Künstler des 20. Jahrhunderts.
Dr. Schneider